Erlebnisferien mit tiergestützter Therapie
Ein Projekt des Instituts für soziales Lernen mit Tieren
in der Wedemark – gefördert von „Aktion Kindertraum“
Das Projekt „SummSumm und Iah – tiergestützte Therapie in der Wedemark“, bei dem die Kinder selbstbestimmt entscheiden, ob sie mit Kaninchen, Ziegen, Hühnern, Pferden… ihre Zeit verbringen, wird seit sechs Jahren von „Aktion Kindertraum“ gefördert.
Auf dem weitläufigen Gelände stromern die Kinder aus den Klassen zwei bis vier völlig frei herum. Auf den Wiesen gehen sie von Gatter zu Gatter, um neue Erlebnisräume für sich zu entdecken und machen in der Interaktion mit den Tieren in kürzester Zeit erkennbare Entwicklungsschritte, die im Alltag sonst nicht stattfinden würden.

Meerschweinchen streicheln gefällt den Kindern: Projekt „SummSumm und Iah“ für Kinder mit Förderbedarf
Abdoul-Alim (9) findet die Schafe toll, weil die so kuschelig sind und man mit denen herumrennen kann. Jozy bevorzugt es, Esel Momo zu
streicheln. „Der ist ganz weich“, sagt die Neunjährige und vergräbt ihre Hände in der Mähne des Esels. Die drei Kinder eint, dass sie besonderen Förderbedarf haben und gemeinsam mit neun weiteren Mädchen und Jungen der Grundschule Hannover-Herrenhausen für drei Tage Erlebnisferien im Sommerquartier des Instituts für soziales
Lernen mit Tieren in Negenborn machen.
Tiere bieten Glücksmomente und Grenzerfahrungen
„Es ist wirklich toll zu sehen, wie die Kinder schon nach wenigen Stunden runterkommen und sich auf die Tiere fokussieren, die ihnen Glücksmomente schenken aber auch Grenzen aufzeigen. Wenn es dem Esel zu viel wird, geht er einfach weg. Das sind Lernprozesse, die Wirkung zeigen“, sagt Sylvia Scholz, die als verantwortliche Förderpädagogin schon im dritten Jahr mit immer wechselnden Schülergruppen an dem Projekt teilnimmt – begleitet von vier weiteren Betreuerinnen, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Wobei die Lehrkräfte sichtbar wenig zu tun haben, denn Tiere und Kinder harmonieren, finden sich selbstständig und verweilen gemeinsam.
Erlebnisfahrten aufs Land sind begehrt
An der Grundschule Herrenhausen hat es sich mittlerweile herumgesprochen, wie toll die Erlebnisfahrt aufs Land ist. Große Bilderwände aus den Vorjahren erzählen von Freiheit. Es gibt eine lange Warteliste. Die Kinder müssen sich um die Teilnahme bewerben. Sylvia Scholz stellt die Gruppe dann zusammen, leitet die intensive Vorarbeit auch im Dialog mit den Eltern. „Was nicht immer ganz einfach ist, weil viele Eltern eine Flüchtlingshistorie mitbringen und Sprachbarrieren da sind. Das gleiche gilt dann vielfach auch für die Kinder, die teils schwierige Bildungsbiografien haben. An diesen drei Tagen in der Wedemark gewinnen sie Selbstbewusstsein und können ihre kognitiven oder körperlichen Defizite abbauen. Das ist prägend, weil es ein unglaubliches Erlebnis gleich auf mehreren Ebenen ist. Das Gelände, das eine entspannte Ruhe versprüht, tut sein Übriges zum Wohlfühlindex dazu“, sagt Scholz.
Therapie mit Tieren sind etwa Besonderes
Da ist zum Beispiel ein Kind mit selektivem Mutismus – es spricht einfach nicht. „Dem Mädchen habe ich mein Handy gegeben mit der Bitte, eine Sprachnachricht für mich aufzunehmen und mir zu sagen, was ihr hier ganz besonders gefällt. Da habe ich dann zum allerersten Mal ihre Stimme gehört. Das ist ein riesiger Entwicklungsschritt für das Mädchen. Und das nach nur einem Tag auf dem Land zwischen Tieren. Die Kraft, die der Aufenthalt dank der tiergestützten Therapie hier birgt, ist mit nichts zu vergleichen und so hilfreich“, berichtet Scholz. Für sie ist dies die letzte Erlebnisfahrt. Zum einen, weil sie im kommenden Jahr in Pension geht. Zum anderen, weil der Förderzeitraum des Projektes eigentlich schon ausgelaufen ist. „Aktion Kindertraum“ unterstützt Projekte im Regelfall maximal für fünf Jahre. In diesem Fall waren es ausnahmsweise sechs Jahre.
Die Idee hinter dem Projekt ist, Kindern aus Brennpunktvierteln und Kindern mit besonderem Förderbedarf über die tiergestützte Therapie eine schöne Zeit zu bescheren. „Einmal richtig aufs Land fahren, die Tiere in ihren Lebensräumen kennenlernen, sie verpflegen, vielleicht sogar Freundschaften schließen, die Vielfalt der Lebensräume entdecken und erleben, sind die Ziele dieser dreitägigen Erlebnisfahrt. Die Kinder aus der Region Hannover können hier ihre Beziehung zu Tieren und der Natur intensivieren und werden vor allem in ihrem Wissen, Handeln und in ihren Sozialkompetenzen gestärkt“, sagt Helga Berndmeyer, die das Projekt auf Seiten der „Aktion Kindertraum“ betreut. „In jedem Jahr sind es acht Termine, die wir für die Gruppen anbieten. Im Mai kamen einmal die Grundschule Mellendorf mit 23 Kindern, die Grundschule Herrenhausen mit zwölf Kindern und die Förderschule Selma Lagerlöf mit acht Kindern aus Ronnenberg“, sagt Melina Marie Nockelmann, Vorsitzende des Vereins „tierisch helfen“, dem Förderverein des Instituts für soziales Lernen mit Tieren.
Übernachtung beim CVJM in der Holzhütte
Die Kinder übernachten beim CVJM im benachbarten Abbensen in Holzhütten, was an sich schon ein tolles Abenteuer ist. Für viele Kinder ist es die erste Übernachtung außerhalb der elterlichen Wohnung. Von dort aus fahren sie dann auf das Gelände in Negenborn, um drei schöne Tage zu verbringen – vom gemeinschaftlichen Schafsspaziergang über die umliegenden Wiesen über Dressur-Proben mit nimmersatten Ziegen, die für Futter auf Kletter-Podeste steigen und den Kindern Dompteur-Erfolge bescheren, bis hin zum großen Zirkuszelt, wo die Esel schon mal durchlaufen und ihren Anteil am gemeinsamen Mittagessen einfordern und für Lacher sorgen. Das Paradies!
Das Institut für soziales Lernen mit Tieren
Das Institut für soziales Lernen mit Tieren mit Sitz in der Wedemark ist 1994 gegründet worden und arbeitet seither in und mit einer Vielzahl von (sonder-) pädagogischen und therapeutischen Einrichtungen tiergestützt. Das multiprofessionelle Team um Gründerin Ingrid Stephan ist mit 60 unterschiedlichen Tieren an Förderschulen aktiv, unterstützt die Entwicklung von Inklusion genauso wie die Verringerung sozial auffälliger Verhaltensweisen in Klassen anderer Schulformen. Pädagogisch und therapeutisch sind sie in Kinder- und Jugendwohnheimen ebenso wie in Heimen für alte Menschen und Menschen mit einem besonderen Betreuungsbedarf tätig. Das Institut ist international anerkannt und ISAAT zertifiziert.

Eselfell ist ganz weich – das erleben die Kinder im Institut für soziales Lernen mit Tieren hautnah in Negenborn.
Ute Micha, PreDiNo / Sigrid Lappe / HaWo / Fotos Institut für soziales Lernen mit Tieren
